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Herbert Anderl: „Erfolg ist nur im Team erreichbar“

ÖBVaktiv stellt den neuen Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit vor.

Dr. Herbert AnderlDr. Herbert Anderl ist seit Jänner 2009 Generaldirektor für öffentliche Sicherheit. Im Gespräch mit ÖBVaktiv erläutert Anderl, was es bedeutet, Sicherheit zu gestalten und warum seiner Meinung nach der Beruf des Polizisten, der Polizistin nach wie vor einer der sozial angesehensten Berufe in Österreich ist. Der oberste Sicherheitshüter Österreichs ist überzeugt, dass Teamgeist keinen Widerspruch zur Notwendigkeit strikter hierarchischer Organisation in der Sicherheitsverwaltung darstellt.

ÖBVaktiv: Sie sind seit Jänner 2009 Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit. Was darf man sich unter dieser Position konkret vorstellen bzw. welche Aufgaben und Verantwortungsbereiche sind damit verbunden?

Anderl: Aufgabe des Generaldirektors für die öffentliche Sicherheit ist es, die Abläufe in den Bundesländern, wo die Sicherheitsbehörden tätig sind, zu steuern, zu koordinieren und entsprechende Vorgaben zu definieren. Weiters sind in der Generaldirektion auch das Bundeskriminalamt sowie das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung integriert. Es ist aber nicht so, dass ich all diese Aufgaben persönlich durchführe, sondern hierfür zeichnen bestimmte Fachabteilungen in der Generaldirektion verantwortlich.

ÖBVaktiv: Abgesehen von Ihrer fachlichen Kompetenz – welche speziellen menschlichen Fähigkeiten sind im Rahmen Ihrer Tätigkeit gefragt?

Anderl: Ich denke, zuhören zu können ist sehr wichtig, Verständnis zu haben, aber auch den Mut aufzubringen, Entscheidungen zu treffen, wenn diese notwendig sind. Toleranz ist sicherlich auch wichtig, und zwar im Sinne: Ich respektiere die Meinung des anderen, auch wenn sie nicht meiner Meinung entspricht. Ich schätze sie hoch und wert, wenn ich das Gefühl habe, diese Meinung ist durchdacht und nicht nur aus Emotionen heraus entwickelt.

ÖBVaktiv: In einer Ihrer ersten Stellungnahmen kurz nach Amtsantritt haben Sie sich selbst als Teamspieler mit besonderen Führungsaufgaben bezeichnet. Wie ist das konkret zu verstehen?

Anderl: Die Sicherheitsverwaltung ist zwar streng hierarchisch organisiert, aber in der heutigen Zeit ist Erfolg nur im Team erreichbar. Um ein Beispiel zu nennen: Im Team der Sicherheitsdirektoren oder Landespolizeikommandanten sehe ich mich als Teamchef, oder besser gesagt als Teamkapitän, um mit ihnen und den knapp 27.000 Polizistinnen und Polizisten gemeinsam Sicherheit zu gestalten.

ÖBVaktiv: Apropos Teamgeist: Kriminalitätsbekämpfung funktioniert vermutlich heute auch nur noch im „Team“, sprich im internationalen Kontext?

Anderl: So ist es. Alle Fragen rund um Kriminalitätsbekämpfung, Terrorismusabwehr oder Verhinderung der illegalen Immigration müssen auf internationaler Ebene betrachtet werden – also im Zusammenwirken der einzelnen Staaten. Wir wollen Österreich zum sichersten Land der Welt mit der höchsten Lebensqualität machen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind speziell die direkt angrenzenden Nachbarstaaten interessant. Hier sehen wir uns als Teil einer Gemeinschaft im Rahmen derer – trotz eigenstaatlicher Selbstverständlichkeit bestimmte Maßnahmen und Strategien miteinander abgestimmt werden, um optimal grenzüberschreitend wirken zu können. Das gilt sowohl auf europäischer Ebene, aber auch weltumspannend. Hier liegt die Zukunft.

ÖBVaktiv: Wie erfolgreich ist die österreichische Polizei im internationalen Vergleich? Bzw. sind Kriminalitätsstatistiken überhaupt miteinander vergleichbar?

Anderl: Statistiken orientieren sich bei uns an den geschehenen Taten. All das, was verhindert wurde, sieht man aus der Statistik nicht heraus. Generell ist es so – und hier möchte ich einer weit verbreiteten Irrmeinung entgegen treten –, dass die Kriminalität in den letzten Monaten nicht explodiert ist. Wir hatten schon Zeiten mit wesentlich höheren Deliktszahlen. Tatsache ist nur, dass ein gewisser Deliktszweig, sprich die Einbruchskriminalität, überdurchschnittlich angestiegen ist. Aber in der Gesamtzahl der Straftaten sind wir in den letzten Jahren immer stabil. Eigentumskriminalität stellt übrigens ebenso wie die immer mehr zunehmende Wirtschaftskriminalität eine Entwicklung dar, die tendenziell auch im benachbarten Ausland vorzufinden ist.

ÖBVaktiv: Welche konkreten Maßnahmen werden nun beispielsweise aufgrund dieses Anstiegs der Einbrüche gesetzt?

Anderl: Wir haben eine neue Kriminalitätsstrategie entwickelt, oder besser gesagt die bestehende den neuen Gegebenheiten angepasst, damit die Menschen in unserem Land stärker als bisher Sicherheit erleben. Ein aktuelles Beispiel ist die „Soko Ost“, die gezielt in der besonders von Eigentumskriminalität betroffenen Ostregion – also in Wien, Niederösterreich bzw. entlang der Hauptverkehrsrouten – zum Einsatz kommt. Hier wird versucht, durch spezielle Maßnahmen präventiv, aber auch repressiv zu wirken, um mögliche Täter abzuschrecken bzw. ihrer habhaft zu werden.

ÖBVaktiv: Sieht diese Strategie auch eine verstärkte Präsenz der Exekutive in der Öffentlichkeit vor?

Anderl: Naturgemäß ist damit die Präsenz in der Öffentlichkeit erhöht. Aber es ist nicht das einzige Ziel. Sicherheit zu gestalten, bedeutet Taten aufzuklären, Prävention zu üben, Strukturen zu erkennen und aufzubrechen.

ÖBVaktiv: Wie ist Ihrer Meinung nach das Image der österreichischen Polizei?

Anderl: Diesbezüglich gibt es eine veröffentlichte Meinung und eine öffentliche Meinung. Die veröffentlichte Meinung unterscheidet sich oftmals von der öffentlichen Meinung, obwohl sie generell positiv ist. Was die öffentliche Meinung betrifft, höre ich durchwegs ein positives Echo. Für mich ist der Beruf des Polizisten immer noch einer jener, der mit dem höchsten sozialen Prestige verbunden ist.

ÖBVaktiv: Wie hoch ist die Stressbelastung im Polizei-Alltag?

Anderl: Soweit ich es einschätzen kann, ist ein hoher Stressfaktor gegeben. Sie müssen sich vorstellen: Der Polizist fährt auf Streife und weiß nicht, was hinter der nächsten Ecke auf ihn wartet. Vielleicht gar nichts, vielleicht nur jemand, der eine Auskunft möchte, oder aber es kann passieren, dass er in eine schwere Auseinandersetzung hinein gerät und er muss agieren. Das heißt: Allein von der Erwartungshaltung betrachtet, ist ein sehr hoher Stressfaktor gegeben – ganz abgesehen von der zu klärenden Situation selbst. Denn dann muss der Polizist richtig und rechtmäßig handeln, sodass die Werte Leben, Gesundheit und Eigentum geschützt werden.

ÖBVaktiv: Mit dem Buchprojekt „Polizisten erzählen“ will die ÖBV Polizistinnen und Polizisten persönlich zu Wort kommen lassen, damit man sich ein besseres Bild von jenen Problemen machen kann, mit denen die Exekutive tagtäglich zu kämpfen hat. Was halten Sie von diesem Vorhaben?

Anderl: Ich halte das für eine gute Sache, weil es Polizisten in der Öffentlichkeit einmal so zeigt, wie sie wirklich sind. Denn: Was sehen wir? Wir sehen TV-Krimi-Serien, wo alles recht flott voran geht und ein Fall in 90 Minuten geklärt ist. Aber die Realität sieht anders aus und ist oft viel trauriger, mühseliger und mit vielen bürokratischen Tätigkeiten verbunden, bis man zum Erfolg gelangt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Polizeiberuf nicht nur die dunkle Seite des Lebens, sondern vor allem positive Erlebnisse wiedergibt. Schon allein deshalb halte ich dieses Projekt für eine gute Geschichte, weil es den Beruf des Polizisten anhand von Anekdoten in ein richtiges Lot bringt.

ÖBVaktiv: Danke für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Christine Dobretsberger, Journalistin und Geschäftsführerin von LINEAart in Wien.

 

Who is who
Dr. Herbert Anderl
Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit

Geboren in Wien, verheiratet, 2 Kinder.

Lehre als kaufmännischer Angestellter, Studium der Rechtswissenschaften, Promotion

Lehrgang für Internationale Studien

Berufliche Laufbahn:
Seit 22. Dezember 2008 Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit
2003–2008 Sektionsleiter-Stellvertreter in der Sektion I des BMI für den Bereich Personal, Organisation und Budget
2000 –2002 Leiter der Abteilung I/A/10 – Sicherheitsakademie im BMI
1995–2001 Leiter der Abteilung I/7 im Rechnungshof
1985–1995 Mitarbeiter des Rechnungshofs, Prüfer im Unterrichts- und Kulturbereich; später Stellvertreter des Leiters der Abteilung I/7 (Prüfungszuständigkeit für das Bundesministerium für Landesverteidigung)
1981–1985 Bundespolizeidirektion Wien; Beamter des rechtskundigen Dienstes; Büro der Sicherheitsdirektion Wien, zuletzt als Stellvertreter des Leiters;
1975–1981 Österreichisches Bundesheer, Offizier auf Zeit
1971–1975 Österreichisches Statistisches Zentralamt
1965–1970 kaufmännischer Angestellter

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