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ÖBV

Bürokratie als Inspirationsquelle

Das Bild des öffentlichen Dienstes in der Öffentlichkeit.

Foto: Sabine Zelger

Anfang April 2009 diskutierten im ÖBV-Atrium anlässlich einer Buchpräsentation eine Literaturwissenschafterin, eine Politologin, ein Verfassungs- und ein Verwaltungsexperte das Thema Bürokratie im Spiegel der Literatur.

 Veranstaltungsrückblick

Eine spannende Diskussion, die die Frage nach dem aktuellen Bild des öffentlichen Dienstes in der Öffentlichkeit fast zwangsläufig nach sich zieht. Die ÖBV sieht sich seit mehr als 100 Jahren als Partner des öffentlichen Dienstes und hat daher die TeilnehmerInnen der Diskussionsrunde, Evelyne Polt-Heinzl, Eva Kreisky, Raoul Kneucker und Manfried Welan um einen Kommentar zum Thema „Image des öffentlichen Dienstes“ aus jeweils ihrer Sicht gebeten. Den ersten Beitrag erhielten wir von Sabine Zelger, deren Buch „Es ist alles viel komplizierter, Herr Sektionschef“ (Böhlau Verlag) den Anstoß für die Diskussionsveranstaltung im April gab.

 

Vom Staatsmenschen zum Marktmenschen

Das Image des öffentlichen Dienstes in der literarischen Gesellschaftskritik

„Wer sollte sich das Recht anmaßen, zu beurteilen, ob ein Mann arbeitsfähig ist oder nicht?“, fragt ein Protagonist im Zukunftsroman „Entrückt in die Zukunft“ von Theodor Hertzka rhetorisch. Hertzkas Zukunft ist Zukunft geblieben. Wie bei seinen Zeitgenossen Ende des 19. Jahrhunderts finden wir immer noch dieselbe Anmaßung, die nicht zur Diskussion steht. Stattdessen wird in Firmen, Institutionen und in der Öffentlichkeit über Entwicklungen der Arbeitsfähigkeit debattiert, über die Effizienz von Arbeitsweisen, die Produktivität des Personals. In diesen Auseinandersetzungen wird die Profitmaximierung verhandelt und nicht selten die Legitimität des Staates in Frage gestellt. Nicht von ungefähr versuchen sich öffentliche Institutionen am scheinbar krisenfesten Image des Marktes zu orientieren. Auch im Regierungsprogramm 2009 wimmelt es von „Management“, „E-Goverment“, „Services“ und „Personalressourcen“. Der Staat geriert sich zum monumentalen Konkurrenten unter anderen Konzernen. Aber seine Marke und seine Ware sind schwer verkäuflich, noch das schönste Hochglanzformular staubt Amtswelt aus, es herrscht Konsumpflicht, die Kunden und Kundinnen werden nicht König, fühlen sich untertan. Dem Staat? Dem Markt?

In der Literatur sah man die Frage nach Image und rentabler Arbeit immer schon anders. Zwar macht auch sie einen Gegensatz zwischen Markt und Staat aus, jedoch wird die Inkompatibilität auf andere Aufgabenbereiche zurückgeführt. Die Behörde ist zuständig für Stabilität und langfristige Sicherung des Staates. So wird ein Hauptteil der amtlichen Arbeit der Disziplinierung zugeschrieben, die den Verwaltungsstab zum brauchbaren Instrument von Herrschaftssicherung macht. „Wir sind seit Generationen für etwas anderes gezüchtet“, schrieb Friedrich Kleinwächter in seinem Beamtenbestseller über die alte Zeit. Und diese Zucht „verpatzt“ die Beamten für Geldgeschäfte, weil sie „die Dinge immer vom Standpunkt der Allgemeinheit anschauen, haben tausend Bedenken, wo der andere senkrecht auf seine Tasche losdenkt“. Viele literarische Texte zeigen diese Zucht als Schwerarbeit, vor allem bei den kleinen Beamten, die nur „arbeitsfähig“ sind, wenn sie völlig der Routine unterliegen: „Ich ging auf in Tätigkeiten, die meine Zeit zerlegten“ (Hermann Ungar). Das macht nicht gerade attraktiv und glücklich, gilt jedoch nach wie vor als produktiv.

Die Literatur hat sich aber nicht nur mit dem Eigensinn behördlicher Arbeitsweisen auseinandergesetzt, sondern sie in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen gedeutet. Viele Texte zeigen, wie das Image des öffentlichen Dienstes wesentlich von den wechselnden Bedürfnissen der Bevölkerung abhängt. Es ist ein Unterschied, ob der Staat rassistische Grundeinstellungen realisieren, kollektiv verdrängen helfen soll oder ob er das Individuum bedroht. So dokumentiert Heimrad Bäckers konkrete Poesie in den amtlichen Schriftstücken des Holocaust eine schauerliche Effizienz der Behörden, die für die Ausgrenzung, Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung zuständig war. Konrad Bayer hingegen thematisiert in den 50er Jahren die Zufriedenheit der Bevölkerung mit einem Staat, der als imaginärer Weg in eine gute alte Zeit fungiert. Seine Institutionen müssen nicht funktionieren, aber der Verputz muss was hergeben. Anders sieht das staatliche Image wenige Jahrzehnte später aus: Die Effizienz der imaginären und realen Institutionen wird bedrohlich für ein Individuum, das von staatlichen Denkkategorien und Ordnungsparametern völlig durchsetzt ist.

Thomas Bernhard schreibt: „Der Staat hat mich, wie alle andern auch, in sich hineingezwungen und mich für ihn, den Staat, gefügig gemacht, und aus mir einen Staatsmenschen gemacht, einen reglementierten und registrierten und trainierten und absolvierten und pervertierten und deprimierten, wie alle andern. Wenn wir Menschen sehen, sehen wir nur Staatsmenschen, Staatsdiener“.

In der aktuellen Wirtschaftsrhetorik werden solche Zusammenhänge ausgeblendet. Es scheint, dass die Standardisierung und Flexibilisierung, die Zentralisierung der Daten und die Optimierung der Verwaltung nur Kostenbedürfnisse befriedigen würden. Vielleicht führen die Reformen tatsächlich zum Abbau behördlicher Arbeit, machen sie billiger. Aber in der Umsetzung werden massive Machtinstrumentarien wirksam: In die Daten und Standards wird „hineingezwungen“, „gefügig gemacht“, werden „Staatsmenschen“ als Normmenschen produziert. Aber selbst das genügt nicht: weder im öffentlichen Dienst noch in der Bevölkerung. Die neue Maxime lautet: Nur wenn die Menschen dem Markt dienen, dienen sie dem Staat. Im Arbeitsmarktservice, einem Service für den Markt, wird diese Monopolisierung der Herrschaft besonders deutlich. Wie Joachim Zelter in seinem Roman „Schule der Arbeitslosen“ vorführt, ist jeder Mann, jede Frau arbeitsfähig zu machen: Sie haben ihre Lebensläufe zu optimieren nach „Diversität, Novität, Kontingenz. Nichts soll so bleiben, wie es ist“. Dass dann die unvermittelbaren deutschen Langzeitarbeitslosen nach Afrika abgeschoben werden, zeigt nur, was es heißt, im nationalen und wirtschaftlichen Interesse rationell und effektiv mit überschüssigen Personalressourcen umzugehen. Das Image von Markt und Staat bleibt gewahrt, wie in den Forderungen nach einer effizienten Migrationspolitik. Aber das Image der Gesellschaft?

Sabine Zelger

Sabine Zelger, Literaturwissenschafterin und Autorin, geboren in Bruneck/Italien, lebt in Wien. Zahlreiche Publikationen zur österreichischen Literatur mit Schwerpunkt auf telefonische Kommunikation, Verwaltung und Staat. Derzeit arbeitet sie am Forschungsprojekt „Tropen des Staates“ an der Universität Wien.

Literatur:

Theodor Hertzka: Entrückt in die Zukunft. Sozialpolitischer Roman. 1895;
Friedrich Kleinwächter: Bürokraten. Ein heiterer Roman aus dem alten Österreich. 1948;
Hermann Ungar: Der Bankbeamte 1922;
Heimrad Bäcker: Nachschrift, 2 Bände 1993, 1997;
Konrad Bayer: Dicht gedrängt o.J., erschienen 1996;
Thomas Bernhard: Alte Meister 1985;
Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen 2006.

 

Quelle: ÖBV-Aktiv Nr. 63

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