Menschen im Öffentlichen Dienst
Polizisten erzählen
Markus Schiffer, Gruppeninspektor
Landespolizeikommando für Tirol
Das Lächeln der Tochter
Gerhard freut sich auf den Abend. Es ist Weihnachten! Noch eine Stunde Dienst im Streifenwagen. Dann ist es endlich soweit! Heuer kann er zum ersten Mal mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter – die im Juli geboren wurde – Weihnachten feiern. Weihnachten zu dritt! Wie sehr haben er und seine Frau das herbeigesehnt. Als seine Tochter geboren wurde, war Gerhard der glücklichste Mann auf Gottes Erdboden. Ganz klar: Das schönste Weihnachtsgeschenk werden heuer die strahlenden Augen seiner Tochter und seiner Frau sein.
Ursprünglich wollte Gerhard seinen Überstundendienst am 24. Dezember abgeben. Doch dann wurde eine Kollegin krank und er musste kurzfristig für den Tagdienst einspringen. Überstundengeld kann man schließlich als junger Familienvater immer gebrauchen.
Gerhard ist mit seinem älteren Kollegen Martin – er geht nächstes Jahr in Pension – auf Funkstreife. Martin kann Gerhards Unruhe kaum noch ertragen. Ständig diese Fragen: „Wie spät?“, „Wie lange noch?“ Da fällt Martin eine Entscheidung: „Gerhard! Weißt’ was!? Ich fahr’ jetzt ins Wachzimmer! Mit dir ist es heute nicht mehr auszuhalten. Ich lege ein gutes Wort beim Chef für dich ein, dann kannst du vielleicht früher nach Hause. Außerdem ist seit zwei Stunden ohnedies nichts mehr los. Die eine Stunde werden wir auch noch um die Runde bringen.“
Gesagt, getan! Auf ins Wachzimmer! Der Chef – eine miesepetrige Figur – der seit seiner Scheidung vor zwei Jahren den ganzen Frust seines Daseins seine „untergebenen“ Kollegen spüren lässt, ist erstaunlich gut aufgelegt. „Mein Sohn hat angerufen! Ich soll morgen zu seiner Familie kommen und mit ihnen gemeinsam Weihnachten nachfeiern!“, posaunte er durch die ganze Dienststelle. Martin nützte die Gunst des Augenblicks und fragte den glücklichen Chef, ob Gerhard heute früher abtreten dürfte. Schließlich wäre es doch ein ganz besonderes Fest für ihn und seine Familie. Der Chef ließ sich überreden.
„O.k. Gerhard! Du darfst früher gehen. Aber warte noch auf Emil, damit er den Funkwagen für dich besetzen kann, falls etwas sein sollte.“
Überglücklich lief Gerhard in die Garderobe. Er war bereits umgezogen, als Emil die Inspektion betrat. „Der Chef lässt mich früher gehen! Wir feiern heute zum ersten Mal zu dritt Weihnachten. Du sollst für mich den Streifendienst mit Martin übernehmen. Aber es ist eh nichts los. Danke Dir und schöne Grüße an deine Frau und vor allem schöne Weihnachten!“
Gerhard fährt nach Hause. Ständig muss er den Fuß vom Gaspedal nehmen, schließlich will er ja gesund daheim ankommen. Es ist viel Verkehr. Endlich hat er es geschafft. Seine Frau erwartet ihn bereits in der Eingangstüre. Im Arm seine kleine Tochter. Seine Frau haucht ihm einen Kuss auf die Lippen und flüstert: „Sie ist gerade eingeschlafen. Ich werde sie ins Bett legen, damit wir in Ruhe die Kerzen am Baum anzünden und die letzten Vorbereitungen treffen können.“
Beide sind ganz aufgeregt und hektisch. Gar nicht so einfach bei all der Vorfreude den Christbaum halbwegs lautlos aufzuputzen. Die Kleine erwacht und fängt zu schreien an. Gerhard nimmt sie liebevoll in den Arm und bringt sie ins Wohnzimmer, wo seine Frau unter dem hell erleuchteten Christbaum wartet – ihre Augen strahlen. Als die Tochter die vielen Lichter bemerkt, sind die Tränen sofort vergessen und sie lächelt.
Überglücklich umarmen sich die Eltern. Ein lang gehegter Wunsch geht endlich in Erfüllung. Für Gerhard und seine Frau wurde es das schönste Weihnachtsfest.
Am nächsten Morgen begibt sich Gerhard wieder auf seine Dienststelle. Er ist innerlich noch ganz beseelt vom gestrigen wunderschönen Abend. Nie wird er das strahlende Gesicht seiner Frau und vor allem seiner Tochter vergessen.
Doch als er das Wachzimmer betritt, ist alle Freude im Keim erstickt. Sofort bemerkt er die niedergeschlagene Stimmung. Der Chef steht käsebleich vor seinem Schreibtisch. Die anderen Dienstkollegen stieren wortlos an die Wände oder aus dem Fenster. Der Kaffee am Tisch ist bereits kalt geworden. Im Aschenbecher liegen halbfertig gerauchte Zigarettenstummel. Gerhard fragt den Chef was los ist, aber er bekommt keine Antwort. Er geht zu seinem heutigen Funkstreifenpartner Andreas und will endlich wissen, was passiert ist. Andreas sagt: „Hast du noch nicht Radio gehört? Die Meldung kam bereits die ganze Nacht!“
Gerhard hatte nicht die leiseste Ahnung, was geschehen sein könnte.
„Gestern Abend, kurz nachdem du weg warst, mussten Martin und Emil gegen 18 Uhr zu einem Familienstreit ausrücken. Ein Mann hatte seine Frau geschlagen. Nichts Außergewöhnliches. Das kennt man ja. Emil war der erste in der Wohnung. Er wollte den Vater von der Familie trennen. Plötzlich zog der Mann ein Messer und stach mehrmals auf Emil ein. Martin konnte den Tobenden noch überwältigen, aber für Emil kam jede Hilfe zu spät. Er ist noch in der Wohnung verblutet.“
Gerhard wendet sich ab – nicht einmal das Lächeln seiner Tochter kann ihn jetzt noch aus seiner Verzweiflung retten...

