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ÖBV

Menschen im Öffentlichen Dienst
Polizisten erzählen

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Reinhard Leprich, Gruppeninspektor
PAZ (Polizeianhaltezentrum) Wien

Nirgendwo ein Fremder

Angst! Mein Herz klopft schnell, bestimmt über zweihundert Mal in der Minute. Ein tiefer Seufzer bricht aus meiner Kehle, ich fühle mich so einsam, wie bestimmt keine zweiter Mensch auf dieser Welt. Auch damals spürte ich diese Angst, diese Einsamkeit, diese Leere in mir. Ich erinnere mich, als wenn es gestern gewesen wäre.

Über mir krochen große, schwere Wolken zusammen, zeichneten dunkle Berge in den Himmel, ein dumpfes Grollen erhob sich hinter dem Tower zu einem donnernden Knall. Dicke Regentropfen schlugen herab, trafen mein Gesicht, meine Hände, meine nackten Füße in den Sandalen. Ich schlich die Gangway hinunter, roch das Kerosin vom Triebwerk der Maschine, den Angstschweiß, der das Hemd unter meinen Achseln nass gemacht hatte.

Die ersten Wasserlachen verteilten sich auf den regelmäßigen Betonkarrees der Landebahn. Die Luft, ich atmete sie sauber, fast keimfrei. Ein Liter Regenwasser reinigt beim Fallen 300.000 Liter Atmosphäre, dachte ich, aber das war nicht wirklich von Bedeutung. 

„Ich habe Angst“, hatte ich neun Stunden vorher beim Lebewohl geflüstert.
„Angst ist ein seltsamer Wirt“, sagte der einzig Verbündete in meinem Leben, „aber auch eine Angehörige der Vernunft. Obwohl sie manchmal dumm erscheint.“
„Ich möchte nicht mehr vernünftig sein“, sagte ich. „Nicht mehr!“
„Ich weiß“, hatte er geantwortet.

Ich liebe mein Land. Natürlich liebe ich mein Land, und ich wäre im Flugzeug vor Kummer fast erstickt, doch meine Sehnsucht nach Freiheit, nach Unabhängigkeit, nach einer wertfreien, begreiflichen Rechtsordnung war stärker, als in verwahrlosten Hinterzimmern ein unruhiges Leben führen zu müssen. Morgens um acht war die Maschine von Damaskus gestartet, aus sieben Stunden Flugzeit waren neun geworden, wegen einer Zwischenlandung in irgendeiner europäischen Hauptstadt, eigentlich nicht erwähnenswert in meiner Situation, ich wurde von niemand erwartet.

Ich betrat ein fremdes Land mit fremden Menschen und einer mir fremden Lebensweise. Und schon bei meinen ersten Zusammentreffen wurde mir eines klar: Ich trug einen virtuellen Spiegel auf meiner Stirn. Viele Menschen, die an mir vorbeiliefen, bemerkten diesen Spiegel nicht, andere sahen hinein, betrachteten ihr Gesicht darin, ihr Lächeln und gingen weiter, ohne Worte zu verlieren. Wieder andere sahen in diesem Spiegel das Böse an sich selber und sie hassten mich, weil ich diesen Spiegel trug. Ich war ein Fremder, redete mir diesen Spiegel ein. Ich suchte eine Erklärung für die, die mir mit Hass begegneten. Ich fragte mich, warum sie mich hassten, obwohl ich ihnen ein Unbekannter war. Ich gehöre von Geburt einer Randgruppe an, einer Minderheit, und dennoch sah ich immer das Gute im Menschen, dachte, dass nicht die Feindschaft und der Hass dem Menschen angeboren waren, sondern die Angst vor der Ferne, dem Unbekannten, dem Fremden.

Zwei Tage später stand ich in einem Restaurant, das sich Al-Dar nannte, arabisch für „Das Haus“, auf der Toilette, betrachtete meinen dunkelgelb gefärbten, sich kreiselnd in das finstere Loch des Pissoirs saugenden Urin, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde, zwei uniformierte Polizisten hereinstürmten und unmissverständlich nach meinem Ausweis verlangten. Keine Minute später lagen meine Hände in Handschellen, der Ausweis hatte sich als Fälschung erwiesen.

Freilich wusste ich davon, hatte ich doch mein Haus und nicht zuletzt mein ganzes Leben verkauft, um die Flucht und die Reise mit dem gefälschten Papier überhaupt erst möglich zu machen. Ich musste ein Pseudonym kaufen, ich musste diesen Schwindel riskieren, um mein Leben zu retten. Ich bin Schriftsteller, regimekritisch, lästig, unerwünscht, mit nur einer Waffe, dem Wort, unter meinem wirklichen Namen wäre mir die Ausreise verwehrt worden.

Noch am selben Tag fand ich mich wieder, wovor ich davongelaufen war: Hinter vergitterten Luken, zwischen muffigem, verrauchten Gefängnisidyll und Lautsprechergeplärr aus der Nebenzelle, das vom Kuriosum eines Straßenjungen erzählte, der kein Killer sein wollte. Sido, sollte ich später herausfinden, und noch viele seiner Hip-Hop-Sprechgesänge kennen lernen.

Sechs Quadratmeter gehörten mir, waren meine Bleibe für eine Zeit, von der ich nicht wusste, wie lange sie dauern würde. Nächtelang saß ich auf der harten Holzpritsche, warf schwerfällige Blicke gegen den von Piktogrammen verschmierten, kalkbleichen Mauerputz. Zwei Wochen aß ich nichts, danach nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Ganze Nachmittage lief ich die fünf Stockwerke des runden Gefängnistraktes auf und ab, steigerte und drosselte mein Tempo, nahm eine, zwei oder drei Stufen auf einmal, und dachte in jeder Sekunde meines Trainings an die Zeit nach dieser Zeit. Bald, sagte ich mir, bald würde es so weit sein. Bald in drei Tagen? Bald in vier Wochen? Oder bald in einem Jahr? Wann, fragte ich mich, wann würde dieses Bald zur Wirklichkeit werden? Wann würde ich die sechs Quadratmeter verlassen dürfen? Wirklich bald?

Nachts nahm ich das Buch meines Freundes, eines bekannten syrischen Schriftstellers, zur Hand und begann die Zeilen auswendig zu lernen. Schnell war ich imstande, ganze Buchseiten aus dem Gedächtnis aufzusagen. Dann wanderte ich neben der Pritsche auf und ab, oft nächtelang, referierte gegen die Wand, gegen den Waschtisch oder die Kloschüssel, solange, bis ich erschöpft absackte und am Betonboden in unruhigen Schlaf fiel.

Langsam machte ich auch Bekanntschaft mit den anderen Gefangenen. Zwanzig verschiedene Charaktere aus acht verschiedenen Ländern. Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten, Juden, dazu einer, der für seinen Gott noch keinen Namen gefunden hatte. Manchmal, oft an Sonntagen, erlaubte das Wachpersonal, die Zellentüren offen zu halten. Dann bemühten sich andere Gefangene um meine Gesellschaft, suchten meine sechs Quadratmeter, lachten mit mir, erzählten mir von ihren Familien, ihren Sehnsüchten, Träumen, berichteten von ihrer Flucht über Meere, durch Kriegsgebiete, Sandwüsten, eingepfercht unter Reisekoffern und engen Kisten, ohne Wasser, ohne Luft. Neben Leichen.

Am Tag hörte ich ihnen zu, in der Nacht vertraute ich ihre Geschichten dem Papier an. War ich vorher wie im Fieber das Treppenhaus hinauf und hinunter gelaufen, begann ich dann wieder zu schreiben. Ich hatte mir zwar geschworen, keinen Bleistift mehr anzurühren, keine Tastatur zu bedienen, doch die Einsamkeit fraß mein Inneres auf. Ich lechzte nach Beschäftigung, also brach ich den Schwur. Ich schrieb mir die Finger blutig, da ich in diesen Augenblicken mein Alleinsein vergaß. Ich schrieb über die Gefangenen, die alleine in ihren Zellen saßen, oder sich ungeachtet ihrer Konfession am kalten Fliesenboden in der Runde am Korridor verträglich unterhielten. Ich schrieb über Schwarze und Weiße, die sich bei Spaziergängen im Hof über den Weg liefen und kein Wort über Hass verloren.

Jeden Sonntag schmiss ich die randvoll beschriebenen Zettel in den Mistkübel in meiner Zelle. Kein Wort und kein Satz durften erhalten bleiben. Warum ich das machte, weiß ich nicht, oder nicht mehr, es fiel mir aber nicht schwer. 

Jeden Morgen teilte Aiman, der Palästinenser, das Frühstück aus. Er war groß und schlank, kein Schönheitsideal, Geiernase, Flügelohren, bewegliche, fast prüfende Augen, die alles in seiner Umgebung zu erfassen schienen. Auch schüchtern, intellektuell, korrekt. Exakt eine halbe Stunde später ging er noch einmal die Stockwerke durch, um den Müll einzusammeln. In meiner Zelle rastete er, setzte sich auf die Pritsche, rauchte eine Zigarette. „Was helfen die beste Ausbildung und der anständigste Beruf“, sagte er, „wenn im eigenen Land das Morden zum Alltag und das öffentliche Leben still gelegt sind.“ In Amman als Kinderarzt zu arbeiten war schwer. Er floh, ließ Frau und zwei Kinder zurück, und landete schließlich nach viermonatiger Arbeit als Tellerwäscher im Gefängnis. Wir redeten über die Einsamkeit, die jeden von uns packte, wenn die schwere Eisentür ins Schloss fiel. Wir redeten über unsere Gefühle, nirgendwo zu Hause und überall ein Fremder zu sein. Wir redeten nie über seine Frau und seine zwei Kinder.

Aiman schenkte mir eine Pelargonie. Ich stellte sie auf das Fensterbrett, kippte jeden Tag Wasser hinein, bis der Topf überlief und sich Wasser und Erde in der Untertasse sammelten. Die Blüten dufteten nach Rosen, der Rosenduft hing in der Luft meiner sechs Quadratmeter. In der Nacht dachte ich oft an Aiman. Ich fragte mich, warum er seine Familie in den Wirren eines verlorenen Landes zurückgelassen hatte. Ich wagte nicht, ihn zu fragen. Wahrscheinlich gab es keinen Grund, warum er mir das hätte sagen sollen, und viele Gründe, es nicht zu tun. Und wenn ich schon am Nachdenken war, dann dachte ich auch an meine Familie.

Ich stamme aus einer gebildeten Damaszener Familie. Ich bin sehr glücklich darüber, denn in meinem Land gibt es auch heute noch viele Analphabeten. Sogar in Damaskus können viele Menschen nicht lesen und schreiben, weil sie entweder nicht bereit waren, ihre beduinischen Wurzeln abzustreifen oder nie die Möglichkeit bekamen, eine Schule aufzusuchen. Mein Vater arbeitete als hoher Beamter im Finanzministerium, war ein angesehener Mann in der Stadt. Er war streng zu mir, seinem einzigen Kind, auch streng zu meiner Mutter. Sie war eine schöne Frau, mit dichtem, schwarzem, im Nacken aufgestecktem Haar, braunen glücklichen Augen und einer Sonne im Herzen. Wir wohnten in einem Haus mit einem großen Innenhof.

Jeden Tag wurde der Hof für meine Mutter und ihre Freundinnen zu einer Oase der Unterhaltung. Sie tranken Kaffee, aßen Kuchen und redeten. Ich saß oft schweigend daneben und protokollierte, was sie erzählten. Schon als Kind schrieb ich auf, was ich hörte. Manchmal schickte mich Mutter ins Haus zurück. Dann lief ich in das obere Stockwerk, kniete unter dem geöffneten Fenster meines Zimmers nieder und hörte heimlich zu. Sie erzählten vom Sex mit ihren Männern und kicherten dabei so laut, dass ich Mühe hatte, ihren Worten zu folgen. Ich wusste sofort, diese Sache war nicht für meine Ohren bestimmt. Meine Frau Ayana war Armenierin. Eine hübsche Armenierin, klein und schlank, mit intelligenten Augen, die immer lachten.

Sie ist tot.

Meine Eltern sind tot.

Gestorben bei einem Bombenanschlag vor drei Jahren.

Der Sprengsatz, der eigentlich mir gegolten hatte, explodierte in einem Restaurant in Damaskus, wir wollten gemeinsam zu Abend essen. Ich war auf der Toilette, als über mir der Himmel einstürzte. Irgendwie überlebte ich, schaffte es ins Freie, suchte auf allen vieren nach Ayana, nach meinen Eltern. Ich fand sie nicht. Niemand fand sie. „Drei Kilogramm Trinitrotoluol zerhacken 20 Leiber in Millionen kleine bis mikroskopisch kleine Details, verstreuen sie auf 170 Metern Länge und 90 Metern Breite“, erklärte ein Soldat der Armee am nächsten Tag im Fernsehen.

Angst! Mein Herz klopft schnell, und wieder spüre ich diese große Angst in mir. Wie damals am Flughafen, als ich meine Zukunft noch optimistisch betrachtet habe. Das ist anders geworden. Heute sehe ich sie realistisch, und ich weiß, ich hätte viel früher damit anfangen sollen. Meine Seele ist aufgespannt zwischen dem was ich einst glauben wollte, und dem was ich heute glauben muss. Schmerzhaft, als würde ich auf einer mittelalterlichen Streckbank liegen.

Ich sitze im Auto, das mich zum Flughafen fährt. Der Geruch von dreckigem Staub und säuerlichem Urin hängt in der Luft. Die Pelargonie ist braun und tot. Ich habe mich von ihr verabschiedet. Ich habe mich auch von den Gefangenen verabschiedet. Von jedem einzelnen, denn jeder einzelne war in den 234 Tagen zu einem Freund geworden. Das Auto hält an. Sind wir angekommen, frage ich mich, stehe auf, schaue durch das Gitter in den jungen Tag hinaus. Die Sonne steht noch tief, die Menschen in einer Straßenbahnhaltestelle werfen lange Schatten. Sie starren mich an, als würden ihnen die Augen aus den Höhlen fallen. Der Hass, er zeigt mir, ich bin ein Fremder, egal, wohin mein Weg mich führt. Meine Hände klammern sich an die Stäbe, die Handschellen, die sie knebeln, scheppern dagegen. Der Spiegel auf meiner Stirn fällt mir ein, ich trage ihn noch immer. Nein, sage ich mir, ich trage ihn schon wieder, er war nur in Vergessenheit geraten. Das Auto fährt an, ein forscher Ruck lässt mich taumeln. Meine Hoffnung ist gestorben, bald schon werde ich im Flugzeug sitzen, ich weiß nicht, was mich zuhause erwartet. Ich weiß es nicht! 

Verrückt werden? Ich könnte verrückt werden. Und es wäre nicht abwegig, in diesem blechernen Kotter, der unter mir auf einmal zu schaukeln beginnt. Ich möchte diese Verrücktheit hinausschreien, doch meine Lippen pressen sich zusammen, so fest, als wollten sie verhindern, dass ein falsches Wort darüber schlüpft. Ich besitze das Gewand, das ich am Körper trage, das Buch meines Freundes. Und ich besitze ein dickes Papierbündel, das Aiman mir beim Abschied unter Tränen anvertraut hatte: Meine auf Papier geworfenen Notizen! Ich lese die Zeilen, die er mir zum Abschied schrieb, wieder und wieder. Ich sauge die kräftigen, steilen Buchstaben in mir auf, doch die Schrift verliert ihre Kontur, ich lese durch den milchigen Vorhang meiner Tränen: „Lieber Ali, meine Frau und meine zwei Kinder sind getötet worden. Du siehst also, uns verbindet dasselbe Schicksal. Trotzdem sind wir in einem Punkt verschieden: Ich werde immer ein Fremder sein, wo immer ich auch bin, doch du mein Freund, du bist nirgendwo ein Fremder. Aiman.“

 

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