Menschen im Öffentlichen Dienst
Polizisten erzählen
Josef Gaschl, Chefinspektor
Kommandant der Polizeiinspektion Stiftgasse
Alexander
Das Moped auffrisiert, am Gepäcksträger ein Radio mit Lautsprechern montiert – so fuhr er durch die Burggasse. Unüberhörbar. Und so lernten wir einander kennen. Alexander war ein lebensfroher Bursche. 17 Jahre alt und gerade dabei seine Mechanikerlehre abzuschließen. Ich war damals ein junger Polizist. Der 7. Bezirk war mein Revier. Hier wohnte auch Alexander. Man lief sich zwangsläufig des Öfteren über den Weg, kannte sich vom Sehen, wechselte bisweilen ein paar Worte.
Es ist oft schwierig zu begründen, weshalb sich mit manchen Menschen im Laufe der Zeit eine Art Verbundenheit entwickelt. Mit Alexander war dies eben der Fall. Vielleicht, weil ich ursprünglich ebenfalls eine Mechanikerausbildung absolvierte, vielleicht einfach auf Grund von spontaner gegenseitigen Sympathie. Kurzum: Wir hielten losen Kontakt und ich kannte auch seine Freundin, die er mir eines Tages vorstellte. Alexander war in meinen Augen ein aufgeweckter, netter Kerl.
Dann wurde er 18 Jahre alt, bekam ein Auto und die Probleme begannen. Er trank zuviel und eines Tages kam es wie es kommen musste: Alexander wurde mit reichlich Alkohol im Blut erwischt und der Führerschein war für einige Wochen weg. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir noch: Gut, das kann passieren. Eine typische Jugendtorheit. Machte mir aber keine weiteren Gedanken, zumal ansonsten alles gut zu laufen schien. Alexander fand hier im Bezirk Arbeit in einem Parkhaus und unser Kontakt intensivierte sich insofern, als er mich regelmäßig wissen ließ, wenn Autos verdächtig lange in der Garage abgestellt waren. In den meisten Fällen handelte es sich dann um gestohlene Fahrzeuge. Alexanders Hinweise waren für unsere Ermittlungsarbeit sehr hilfreich. Im Gegenzug drückte ich das eine oder andere Mal ein Auge zu, wenn bei Alexander ein Strafmandat anstand. Es war ein fairer und in gewisser Weise auch freundschaftlicher Austausch.
Dass unser Kontakt dann abrupt für einige Zeit aussetzte, hatte eine berufliche Ursache. Im Rahmen einer Festnahme eines Ladendiebes wurde ich vom Täter ziemlich heftig gekratzt und infolgedessen mit Hepatitis B infiziert. Ich war drei Monate im Krankenstand. Da ich außerhalb von Wien wohne, herrschte zwischen Alexander und mir Funkstille.
Aber in der Zwischenzeit hatte sich einiges getan. Wegen Trunkenheit am Steuer wurde ihm zum zweiten Mal der Führerschein entzogen. Doch damit nicht genug: Er fuhr sein Auto zu Schrott, verlor seine Arbeit und seine Freundin ging ebenfalls flöten. Nahezu zeitgleich ereignete sich eine Serie an Autodiebstählen, die allesamt in jener Parkgarage passierten, in der Alexander zuletzt arbeitete. Die Fahrzeuge wurden zumeist in der Burggasse bzw. in Gürtelnähe wieder gefunden und waren gänzlich unbeschädigt. Der Täter musste sich gut mit Autos auskennen.
Mein erster Gedanke war: Das war der Alexander. Alles passte zusammen. Er kannte die Parkgarage wie seine Westentasche, verfügte über Mechaniker-Know-how – für ihn war es ein Kinderspiel, Türschlösser ohne Beschädigung zu öffnen und den Wagen via Kurzschluss-Technik zu starten. All diese Parallelen konnten kein Zufall sein.
Also beschloss ich, ihn sicherheitshalber einen Abend lang zu beobachten. Da ich ja wusste, wo er wohnte, parkte ich meinen Wagen in Blickweite zu seinem Haus und wartete. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ein Auto in die Gasse einbog und vor dem Haustor einparkte. Alexander saß am Beifahrersitz. Als die beiden Burschen ausstiegen, stellte ich ihn zur Rede. Er behauptete, sie hätten lediglich für einen Freund ein Autoradio gekauft. Doch das Radio, das er in Händen hielt, war eindeutig gestohlen. Als ich das Fahrzeug näher inspizierte, entdeckte ich unter dem Fahrersitz eine Waffe, die aber niemanden gehören wollte. Beide mussten aufs Revier mitkommen. Angesprochen auf die Autodiebstähle, schüttelten beide Burschen nur den Kopf.
Erst als ein Lederetui mit den Fahrzeugpapieren eines gestohlenen Autos auftauchte, gab Alexander diese Tat zu. Mit den anderen Fällen wollte er aber nichts zu tun haben. Alexander wurde vorerst festgenommen und der Fall ans Gericht weitergeleitet. Vor der Verhandlung redete ich Alexander ins Gewissen, ausschließlich bei der Wahrheit zu bleiben. Dies käme immer am besten an und brächte auch die aussichtsreichsten Chancen für ein mildes Urteil mit sich. Gesagt, getan. Alexander schilderte die Situation bzw. seine momentane Pechsträhne ganz genau so, wie sie war und wickelte, dank seiner fröhlichen Art, Staatsanwalt und Richter um den Finger. Man war sich einig, dass es sich um einen Ausrutscher, um pubertäre Unvernunft handelte, und Alexander kam mit einer Verwarnung davon.
Nun hoffte ich natürlich, dass sich in Zukunft das Blatt wieder zum Guten wenden würde. Doch trotz aller grundsätzlichen Sympathie diesem Burschen gegenüber, schien er mehr und mehr auf die schiefe Bahn zu geraten. Auch seine Mutter hatte ihn nicht mehr im Griff. Der Einfluss seines neuen Freundeskreises war einfach zu mächtig. Unser Kontakt wurde in dieser Zeit zunehmend loser.
Knapp ein Jahr verging, als eines Morgens, als ich aufs Revier kam, höchste Aufregung herrschte. In der Nacht wurde ein Mann ermordet. Die Täter waren bereits gefasst. Als ich ihre Namen erfuhr, war ich fassungslos: Alexander war mit von der Partie... Diese Nachricht traf mich wie ein Blitz. Ich konnte nicht glauben, dass Alexander zu so einer Tat imstande war. Meine Kollegen, die ihn ebenfalls kannten, waren auch schockiert. Wie konnte das bloß passieren?
Tatsache war, dass Alexander mit einem seiner so genannten Freunde in einem Lokal ein Bier nach dem anderen trank. Als am Nebentisch ein alter Mann mit dicker Brieftasche zahlte und aufbrach, folgten sie ihm. Sie wollten ihn ausrauben, gerieten dann aber plötzlich in Panik und erschlugen den Mann. Ich konnte und wollte immer noch nicht glauben, dass Alexander so eine Tat begeht. Für mich war er mit seinen 19 Jahren noch nicht einmal erwachsen. Und schon hatte er sein Leben verpfuscht.
Alexander und sein Komplize wurden wegen Raubmordes zu 19 Jahren Haft verurteilt. Seine Strafe hatte er in Graz abzusitzen. Zu Weihnachten und Ostern schickte ich ihm regelmäßig eine Karte oder eine Stange Zigaretten. Er bat mich wiederum, mich ab und zu um seine Mutter zu kümmern, die übrigens – obwohl herzkrank – vier Mal pro Woche mit der Bahn nach Graz fuhr, um ihren Sohn zu besuchen.
15 Jahre vergingen. Dann wurde Alexander nach Wien überstellt, genauer gesagt nach Simmering, wo es für Häftlinge eine Sozialeinrichtung zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft gibt. Tagsüber durfte er seine Mutter besuchen, die unweit von unsrem Wachzimmer entfernt wohnt.
Und eines Tages stand er plötzlich bei uns am Revier vor der Türe. Gänzlich ergraut, noch keine 40 Jahre alt. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Hatte sich einfach furchtbar geniert. Seither sind wir wieder sporadisch in Kontakt. Ich kenne in groben Zügen seine momentane Lebenssituation, den einen oder anderen Plan für die Zukunft sowie seine neue Freundin. Immer noch rätselhaft und unbekannt sind mir hingegen die Beweggründe für seine damalige Tat – ihm im Übrigen auch. Noch während seiner Haftstrafe teilte er mir in einem Brief mit, dass er sich einfach nicht erklären könne, wie das passieren konnte.
Selbst stellt man sich natürlich auch jede Menge Fragen. Und macht sich Gedanken, ob man sein Abdriften auf die schiefe Bahn vielleicht doch hätte verhindern können. Als ihm das erste Mal der Führerschein abgenommen wurde, wäre hierfür vielleicht noch eine Chance gewesen. Möglicherweise hätte man sich damals intensiver mit dem Burschen beschäftigen sollen. Aber hat man Zeit dafür? Neben Beruf, Familie und eigenen Sorgen? Natürlich war ich furchtbar enttäuscht, dass er so etwas getan hatte. Der Alex, der lebensfrohe Bursche auf seinem auffrisierten Moped mit hallend lauter Musik. Man konnte ihn einfach nicht überhören.

