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ÖBV

Menschen im Öffentlichen Dienst
Polizisten erzählen

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Thomas Angerer, Bezirksinspektor
Landeskriminalamt Wien

Bis dass der Tod uns scheidet...

„Blinded By The Light“ kam aus dem Radio unseres Funkwagens. Es war ein ungewöhnlich ruhiger Freitagnachmittag gewesen, sogar für den ohnehin recht friedlichen Bezirk, in dem ich seit zweieinhalb Jahren Dienst machte. Es war der 19. Oktober 2000. Der Vorabend zur Hochzeit meines Bruders, die erste Diensttour nach einem zweiwöchigen Griechenland-Urlaub.

Ich hatte noch einiges vor an diesem Abend. Zuerst mit meinem Partner, der später übrigens auch mein Trauzeuge wurde, ein gemütliches Bier trinken, danach sollte daheim noch das Geschenk für meinen Bruder vorbereitet werden. Die Glückwunschkarte wollte ich auch selbst machen – ist schließlich persönlicher!

Unser Funkwagen – „Richard 2“ – wurde in eine der nobelsten Ecken des Bezirks gerufen. Der Aufforderer war irritiert von einem komischen Geruch, den er von seinem Balkon aus bemerkte. Schwach, aber doch, registrierten wir diesen Geruch bereits im Stiegenhaus. Mein erster Gedanke: „Aber, das kann doch keine Leiche sein!“ Ich hatte ja schon einige davon – einmal sogar ein paar in Serie, woraufhin die Kollegen meinten, man könne mit mir nicht ausfahren, weil da immer eine Leiche im Spiel sei. Ich sei ein „Totenvogel“! Nun, als „alter Hase“ – zusammen brachten wir es gerade einmal auf acht Dienstjahre – sagte ich zu mir: „Das ist bestimmt keine Leiche.“ Schließlich kann ja nicht sein, was nicht sein darf. Außerdem hatte ich ja noch einiges vor an diesem Abend.

Während des Wartens auf die Feuerwehr, die uns die Wohnung öffnen sollte, aus der vermutlich der Geruch kam, erzählte uns der Anrufer aus dem Leben des Wohnungsbesitzers: ein netter Herr um die siebzig, hochintelligent, war früher Chemiker. Er selbst hatte ihn seit einer Woche nicht gesehen, aber man denkt sich ja nichts dabei. Schließlich hat der Mann Geld, bestimmt ist er verreist und hat nur vergessen, den Bio-Müll hinaus zu tragen. Obwohl, seit seine Frau vor zwei Jahren gestorben ist, hat er sich schon sehr zurückgezogen...

Die Feuerwehr erledigte ihre Arbeit gewohnt zuverlässig, nicht ohne den typischen Humor und – voilà –  schon waren wir drinnen.

Der Geruch machte uns fast sicher. Der Zeitungsständer im Vorzimmer gab uns die Gewissheit. Er war vor dem Eingang ins Wohnzimmer platziert und mit einem Zettel versehen: „Nur Profis weitergehen, Leichenanblick ist nicht schön!“ Ein Satz, der sich in meinem Gehirn festsetzte.

Wir gingen weiter. Schließlich waren wir ja Profis, oder? Von diesem Moment an bin ich die Wohnung schon mehrfach durchwandert. Wie im Film, wenn der Kameramann die Perspektive der Handkamera wählt. Also wie in „Dancer In The Dark“. Wir gingen auf den Balkon. Der alte Mann hatte sich das schön ausgedacht: Schlaftabletten und ein Plastiksack über dem Kopf. Seine Hände hielten noch die Schnur, mit der er den Sack zugezogen hatte. So lag er friedlich auf der Bank am Balkon, wo er im Laufe seines Lebens mit seiner Frau wohl einige Gläschen in trauter Zweisamkeit genossen hatte.

Der Rest sollte wohl Routine sein. War es aber nicht. Sonst würde ich nicht heute noch regelmäßig daran denken. Im Wohnzimmer war beim Fernseher der Antennenstecker gezogen, damit der Blitz nicht einfährt. Die Fernbedienungen lagen in Reih’ und Glied, parallel zueinander, im rechten Winkel zum Fernseher. In der Küche war der Kühlschrank geleert, abgetaut und gereinigt. Am Küchentisch war ebenfalls alles vorbereitet: Ein Stapel Briefe, ausreichend frankiert, mit einem Post-it „Bitte zur Post bringen!“ Dreihundert Schilling mit einem Post-it „Für den Hausmeister als Dankeschön“. Eine Schachtel Pralinen mit einem Post-it „Für die Nachbarskinder als Zerstörer der Bikini-Figur!“ ­– Die Nachbarskinder waren namentlich angeführt, einzig und allein daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Und so lagen da noch einige andere Sachen, vorbereitet für einen perfekt organisierten Abgang.

Speziell die Erinnerung ans Schlafzimmer erzeugt bis zum heutigen Tag bei mir Gänsehaut, oder vielleicht heute mehr als damals. Jetzt, wo ich selbst verheiratet bin, Kinder habe. Das Bett war perfekt gemacht. Die Seite, wo seine Frau wohl immer geschlafen hatte, war leicht erkennbar. Ihre Hausschuhe standen davor, ein Strauß Blumen auf dem Kopfkissen drapiert. Warum schlafen Frauen eigentlich immer auf der Seite, wo die Schlafzimmertüre ist?

Nachdem die Routine doch wieder Überhand gewinnen musste, irgendwer hatte ja die Meldung zu schreiben, wurde der Abend im Stammlokal beschlossen. Das Geschenk für meinen Bruder bestand aus einer nicht sehr schönen Karte aus der Trafik und einem hinein gekritzelten Gutschein. Er nahm’s nicht übel. Er ist selbst Polizist und wusste wovon ich sprach, als ich ihm die Geschichte erzählte.

Manchmal, in Tag- wie in Nachtträumen, stehe ich vor dem Schlafzimmer des alten Mannes. Ich sehe die Blumen. Ich sehe die Schuhe. Ich spüre die Liebe

 

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